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Gestresst, müde, erschöpft - entspannter mit Rhodiola oder Rosenwurz?

Stand:
Rhodiola-Extrakte sollen in stressigen Lebensphasen Müdigkeit und Erschöpfung lindern. Was steckt dahinter?
Rhodiola Rosenwurz

Das Wichtigste in Kürze:
Wirkung nicht bewiesen!

  • Werbeaussagen für pflanzliche Arzneimittel lassen sich nicht einfach auf Rhodiola-haltige Nahrungsergänzungsmittel übertragen.
  • Extrakte in Nahrungsergänzungsmitteln sind nicht standardisiert und teilweise sehr verschieden.
  • Positive Wirkungen auf die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit sind für Nahrungsergänzungsmittel mit Rhodiola wissenschaftlich nicht hinreichend geklärt.
  • Unerwünschte Wirkungen sind nicht auszuschließen.
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Was steckt hinter der Werbung zu Rhodiola?

Rhodiola rosea (Rosenwurz, Sedum roseum) soll einer stressbedingten geistigen oder körperlichen Erschöpfung, leichten Depressionen und Ängsten entgegenwirken und somit zur Stabilisierung des Nervensystems sowie zur Stärkung der geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit beitragen.

Kapseln mit Extrakten von Rhodiola rosea werden als hochpreisige Nahrungsergänzungsmittel vorwiegend im Onlineshops gehandelt. Es werden Produkte angeboten, die ausschließlich Extrakte von Rosenwurz enthalten. Vielfach ist die Zutat durch Nährstoffe ergänzt, zum Beispiel mit B-Vitaminen oder Magnesium, um sie werbewirksamer anzubieten.

Zur Wirkung von Rhodiola werden beispielsweise genannt "steigert die Leistung und erhöht die Stressresistenz", "ein natürliches mittel bei psychischen Beschwerden", "hebt die Stimmung und fördert das körperliche und geistige Wohlbefinden", "hilft bei depressiven Verstimmungen und Angstzuständen" oder "fördert sportliche Leistungsfähigkeit".

Gesundheitsbezogene Angaben sind nur nach erfolgreichem Durchlaufen eines Zulassungsverfahrens zulässig. müssen Aussagen müssen anhand von wissenschaftlichen Studien geprüft und von der EU zugelassen sein. Die gesundheitliche Angabe "trägt zur Verringerung von Müdigkeit in Stresssituationen bei" wurde von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) für einen Extrakt aus Rhodiola rosea geprüft. Die EFSA kam zu dem Ergebnis, dass aus vorgelegten Studien keine Schlussfolgerung für die wissenschaftliche Untermauerung  der gesundheitsbezogenenen Angaben getätigt werden können. Eine solche Aussage wäre also irreführend und ist daher verboten.

Werbende Aussagen zu Rhodiola angereichert mit Vitaminen (vorwiegend der B-Gruppe) wie "unterstützt die psychische Funktion und das Nervensystem", "hilfreich bei Ermüdung" oder "unterstützt die mentale Leistungsfähigkeit" beziehen sich daher nicht auf Rhodiola, sondern auf die zugesetzten Vitamine. Für die Vitamine B1 (Thiamin) und B6 (Pyridoxin) sind gesundheitsbezogene Angaben wie: "trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei" und "trägt zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung bei" zugelassen.

Exkurs: Rhodiola als pflanzliches Arzneimittel

Rhodiola-Arten sind in russischen, baltischen und skandinavischen Ländern seit langem in der traditionellen Volksheilkunde bekannt. Sie werden sowohl als Tee als auch in Form von Extrakten eingesetzt. Auch in der chinesischen und tibetischen Medizin werden sie traditionell verwendet, um die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit zu erhalten. Dazu gehören auch nervöse oder sexuelle Störungen, Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes oder Infektionskrankheiten. Rosenwurz gilt als adaptogene Heilpflanze. So werden Pflanzenstoffe bezeichnet, die den Organismus unterstützen sollen, sich durch spezifische Inhaltsstoffe erhöhtem psychischen sowie körperlichem Stress anzupassen. Der menschliche Organismus soll infolge widerstandsfähiger gegenüber verschiedenen Stressfaktoren werden, indem bestimmte physiologische Reaktionen beeinflusst und stimuliert werden, wie z.B. durch Ausschüttung von Stresshormonen oder bestimmten Botenstoffe des Gehirns.

In der wissenschaftlichen Datenbank Pub-Med sind etwa 40.000 Veröffentlichungen aufgeführt, die sich mit Rhodiola beschäftigen. Rhodiola rosea ist in verschiedenen Ländern wie Großbritannien, Österreich oder Schweden als pflanzliches Arzneimittel zugelassen. Daher wertete die europäische Arzneimittelagentur (EMA) verschiedene Studien zu folgenden Anwendungsgebieten aus: stressbedingte Erschöpfung / Müdigkeit, physische Leistungsfähigkeit, mentale / kognitive Leistungsfähigkeit, nachtschichtbedingte Müdigkeit, Schlafbeschwerden, Zeiten leichter bis mittelschwerer Depressionen, allgemeine Angststörung.

In einem Bericht der Europäischen Arzneimittelagentur EMA wurde geschlussfolgert, dass sich die Studien hinsichtlich ihrer Qualität stark unterscheiden und daraus keine ausreichenden Beweise für eine therapeutische Wirksamkeit abzuleiten sind. Andere Studien schlussfolgern eine vielversprechende Wirkung zum Schutz negativer Auswirkungen von Stress bei gesunden Erwachsenen durch eine Kombination aus Rhodiola, Magnesium und B-Vitaminen. Da Rosenwurz seit langem in der Volksmedizin eingesetzt werde und die Studienergebnisse den Einsatz in diesen Anwendungsgebieten plausibel mache, sei gegen eine vorübergehende Anwendung von Rosenwurz als pflanzliches Arzneimittel bei Stresssymptomen wie Erschöpfung und Schwächegefühl nichts einzuwenden.

Diese Stellungnahme bezieht sich auf Untersuchungen zu der Wirkungsweise der Heilpflanze, bzw. zu bestimmten Wirkstoffen und Arznei. Wenn aber selbst die klinische Wirksamkeit für diese umfassenden Produktbereiche nur begrenzt verlässlich ist, kann von einem Nahrungsergänzungsmittel kein gesundheitlicher Nutzen erwartet werden. Die Extrakte in Nahrungsergänzungsmitteln können sich voneinander unterscheiden und sind - im Gegensatz zu Arzneimitteln - nicht standardisiert. Zudem ist bisher nicht geklärt, ob es sich bei den Extrakten um die wirkbestimmenden Inhaltsstoffe handelt oder die Wurzel als Ganzes am besten wirkt.

Auf was sollte ich bei der Verwendung von Rhodolia-Produkten achten?

In der europäischen Union ist die Verwendung der Wurzel von Rhodiola rosea als Nahrungsergänzungsmittel schon vor 1987 bekannt und sie darf als solches angeboten werden. Aus den verfügbaren Humanstudien, in denen Tagesdosen von 100 bis 1.800 mg Extrakt eingesetzt wurden, lässt sich laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) kein Gefährdungspotential ableiten.

Aufgrund unzureichender Untersuchungsdaten sollten Rosenwurz-Extrakte nicht von Schwangeren, Stillenden sowie Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren verzehrt werden.

In den Gebrauchsinformationen pflanzlicher Arzneimittelr mit Rosenwurz-Extrakten befindet sich ein Hinweis, dass bei eingeschränkter Leber- und Nierenfunktion besondere Vorsicht bei der Einnahme erforderlich ist, da diesbezüglich keine hinreichenden Erfahrungen vorliegen.

Unerwünschte Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden, Mundtrockenheit oder Benommenheit sind in Studien beobachtet, aber noch nicht ausreichend überprüft worden.

Auch Wechselwirkungen mit Medikamenten sind nicht auszuschließen.

Insgesamt ist die Verträglichkeit einer bestimmten Dosis nicht  hinreichend geklärt und die Einnahme über einen längeren Zeitraum kann auch zu unerwünschten Wirkungen führen.  Ein Forschungsartikel, der über das Potential der Pflanze Rhodiola rosea als Gedächtnisverstärker in Insektenstudienfällen sowie bei der Honigbiene berichtet, weist ausdrücklich darauf hin, dass gedächtnisverstärkende Wirkungen leichter zu erzielen sind, wenn Gedächtnisfunktionen beeinträchtigt sind. Die Wahrscheinlichkeit unbeabsichtigter Nebenwirkungen erhöht sich durch die Verwendung höherer Konzentrationen bei gesunden Proband:innen.

Was ist Rosenwurz, auch Rhodolia rosea genannt?

Rhodiola-Extrakt wird aus der Wurzel Rhodiolae roseae radix gewonnen und ist umgangssprachlich auch unter dem Namen "Rosenwurz" geläufig. Es ist eine mehrjährige Pflanze aus der Familie der Dickblattgewächse. Sie ist im nördlichen Polarkreis und in höheren Bergregionen Europas, Asiens und Nordamerikas beheimatet. In Deutschland kommt Rosenwurz sehr selten vor.Ihren Namen verdankt sie ihrer geschnitten nach Rosen duftenden Wurzel.

Einige Hersteller geben Herkunftshinweise wie „Wildsammlung aus dem Altai-Gebirge mit staatlicher Genehmigung“. Es ist davon auszugehen, dass sich die natürlichen Ressourcen erschöpfen und damit die Gefahr besteht, dass es zu Verfälschungen der Rhodolia-Rohstoffe kommt.

Welche Inhaltsstoffe sind in Rhodolia rosea enthalten?

In Studien werden Rosavine (Rosavin, Rosarin, Rosin) und Salidrosid als Hauptwirkstoffe aufgeführt. Sie gelten auch als Marker-Substanzen für die Identifizierung der Rohware und der eingesetzten Extrakte. Arzneiliche Extrakte, die in den meisten Humanstudien eingesetzt wurden, sind mindestens auf 3 Prozent Rosavine und 0,8-1 Prozent Salidrosid standarisiert. Daher finden sich prozentuale Angaben dazu oft auf Nahrungsergänzungsmitteln. Bei diesen Mengen handelt es sich allerdings um solche mit einer pharmakologischen Wirkung - zu viel für Nahrungsergänzungsmittel. In den Arzneistudien sind die verschiedenen Einzelsubstanzen dem Gesamtextrakt nicht überlegen.

Können Rosenwurz-Produkte mit problematischen Stoffen belastet sein?

In der Wurzel wurde das Cyanoglykosid Lotaustralin nachgewiesen. Daraus kann durch Verletzung des Pflanzenmaterials und der damit verbundenen Freisetzung von Enzymen Blausäure entstehen. Dieser Prozess kann durch eine Inaktivierung der Enzyme (z. B. Hitzeinaktivierung durch Kochen) verhindert werden. Derzeit lässt sich laut BfR aus den verfügbaren Daten kein Gefährdungspotenzial ableiten.

Unser Tipp:
Bewegung an der frischen Luft, ein paar Minuten Gehirnjogging (Sudoku lösen, einen Text verkehrt herum lesen, Gedächtnisspiele) oder zwischendurch Entspannungsbewegungen einbauen (Streck- oder Gähnübungen) und ausreichend Flüssigkeit können die Konzentrations- und Gedächtnisleistung verbessern.

Quellen:


Klenow S. et al. (BfR): Risikobewertung von Pflanzen und pflanzlichen Zubereitungen. Berlin 2. ergänzte Aufl. 2013 (abgerufen am 06.01.2023)

EFSA (2012): Rhodiola rosea L. extract and reduction of mental fatigue, EFSA Journal 2012; 10(7): 2805 (abgerufen am 06.01.2023)

Science Advances (2018): Memory enhancement by ferulic acid ester across species; 24. Oktober 2018, Band 4, Ausgabe 10

Evidence for self-Medication (EFSM) (2022): Eine neue Kombination reduziert objektive Stressmaße und subjektives Stressempfinden, Stand: 09.03.2022 (abgerufen am 06.01.23)

Akgul Y. (2004): Lotaustralin from Rhodiola rosea roots, Fitoterapia 75 (6): 612-614

Schilcher, Heinz (Hrsg.): Leitfaden Phytotherapie, München 2016

Edwards S. et al.: Phytopharmacy - an Evidence-Based Guide to Herbal Medicinal Products. Wiley Blackwell 2015, S. 317ff

Anghelescu I-G. et al. (2018): Stress management and the role of Rhodiola rosea: a review. Int J Psychiatry Clin Pract. 22 (4): 242 & ndash; 252. doi: 10.1080 / 13651501.2017.1417442. Epub 2018 Jan 11

Booker A. et al: Comparison of Rhodiola Species Using NMR Spectroscopy—Metabolomics and HPTLC. Front. Pharmacol., 29 August 2016