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Glucosamin und Chondroitin - Hilfe bei Gelenkbeschwerden?

Stand:

Ob die Stoffe vor Arthrose oder dem Verlust von Knorpelmasse schützen können, ist fraglich. Oder gelingt vielleicht der Einbau in den kranken Knorpel?

Das Wichtigste in Kürze:

  • Für Glucosamin und Chondroitin als Nahrungsergänzungsmittel sind keine gesundheitsbezogenen Werbeaussagen zugelassen.
  • Bei schmerzhaften Gelenkbeschwerden sollten sinnvolle Behandlungsmöglichkeiten mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.
  • Gesundheitliche Risiken birgt die Einnahme von Glucosamin für Personen, die an Diabetes mellitus leiden, für Krebstierallergiker und für Personen, die bestimmte Blutgerinnungshemmer einnehmen müssen. Chondroitin kann für Fischallergiker ein Problem sein.
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Was steckt hinter der Werbung zu Glucosamin- und Chondroitin-Kapseln?

Glucosamin- und chondroitinhaltige Kapseln sind als Nahrungs­ergänzungsmittel schon sehr lange auf dem Markt. Sie wurden jahrelang für "gesunde Gelenke", "für die Beweglichkeit" und "für die Knorpelbildung" beworben. Diese gesundheitsbezogene Werbung ist seit 2012 nicht mehr erlaubt. Denn der Zusammenhang zwischen entsprechenden Nahrungs­ergänzungsmitteln und diesen Werbeaussagen wurde von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) als wissenschaftlich nicht belegt eingestuft.

In ihrer negativen Bewertung weist die EFSA darauf hin, dass es keinen wissenschaftlichen Beleg für einen präventiven, also vorbeugenden, struktur- und funktionserhaltenden Einfluss von glucosaminhaltigen Nahrungs­ergänzungsmitteln auf die Gelenke oder Knorpel von Gesunden gibt.

Dennoch hält sich bei vielen Verbrauchern der Glaube, dass die Einnahme von Glucosamin- oder Chondroitin-Nahrungsergänzungen gesundheitlich etwas bringt. Die Anbieter schüren diese Hoffnung, indem sie ihren Kapseln Vitamin C oder Zink zusetzen. Denn für diese Stoffe sind allgemeine gesundheitsbezogene Aussagen erlaubt, die den Knochen oder die normale Knorpelbildung betreffen. Das sind zum Beispiel: "Vitamin C trägt zu einer normalen Kollagenbildung bei" oder "Vitamin C trägt zu einer normalen Knorpel-/Knochenfunktion bei", "Zink trägt zum Erhalt der normalen Knochen bei".

Anbieter dieser Kapseln dürfen jedoch nicht behaupten, dass Glucosamin und Chondroitin den Knorpel wieder regenerieren oder wieder aufbauen. Selbst der Begriff "Gelenk" im Produktnamen, die Werbung mit verbesserten Gelenkfunktionen sowie die Abbildung eines beweglichen Gelenkes sind nach Ansicht des Arbeitskreises Lebensmittelchemischer Sachverständiger der Länder (ALS) nicht zulässig, da dies einen Wirkzusammenhang vermuten lässt, der nach Einschätzung von Experten nicht gegeben ist. Eine solche Abbildung würde eine unzulässige Erweiterung der genehmigten Health Claims bedeuten.

Was sind Glucosamin und Chondroitin?

Glucosamin ist ein Aminozucker, der im menschlichen Körper natürlich vorkommt. Er ist Bestandteil des Bindegewebes, des Knorpels und der Gelenkflüssigkeit. Für die Verwendung in Nahrungs­ergänzungsmitteln wird Glucosamin hauptsächlich aus Krebstieren gewonnen. Meist wird die Verbindung Glucosaminsulfat verwendet.

Die Substanz Chondroitin (meist als Chondroitinsulfat erhältlich) ist im Gewebe an Eiweiße gekoppelt und ein Hauptbestandteil des Knorpels (griechisch Chondros) sowie der Knochen und des Bindegewebes. Chondroitin wird nach Angaben des CVUA Stuttgart für Nahrungsergänzungsmittel aus Schlachtabfällen wie der Luftröhre von Rindern, aus Schweineohren oder -schnauzen oder aus Haifischknorpel hergestellt.

Glucosamin und Chondroitin sind keine Nährstoffe im eigentlichen Sinne. Die Substanzen kommen zwar auch in Lebensmitteln vor, besitzen aber aus ernährungsphysiologischer Sicht eigentlich keinen Nährwert.

Wie wirken Glucosamin und Chondroitin als Nahrungsergänzung?

Es ist fraglich, ob die als Kapsel eingenommenen und als "Gelenknährstoffe" propagierten Stoffe nach dem Verzehr den Knorpel im Gelenk überhaupt erreichen - denn die im Blut erreichten Wirkstoffspiegel sind sehr niedrig. Auch ist unklar, ob die Stoffe eingebaut werden und den schadhaften Knorpel ausbessern können. Seine Fähigkeit zur Regeneration wird von Experten prinzipiell als äußerst gering bis nicht möglich eingestuft. Für eine mögliche Wirkung der "Gelenknährstoffe" scheinen die Art und Schwere der Gelenkerkrankung, die sehr langfristige Dauer der Einnahme (Monate bis Jahre) und viele andere Aspekte eine wichtige Rolle zu spielen, ebenso die Dosierung und Zusammensetzung der Produkte.

Dementsprechend ist die Studienlage auch sehr widersprüchlich - und zwar sowohl bei den Nahrungsergänzungen als auch bei den Arzneimitteln: Während hier manche Studien eine (leichte) Verbesserung der Beschwerden zum Ergebnis haben, finden viele andere keinen Unterschied zu der Gabe eines Scheinmedikaments (Plazebos).

Eine aktuelle spanische Studie (2017) zeigte sogar die deutliche Überlegenheit eines Plazebos gegenüber der Kombination von Glucosamin- und Chondroitinsulfat bei der Behandlung von Schmerzen bei Kniearthrose. Die internationale Arthrosegesellschaft OARSI sieht in ihren Leitlinien für die Behandlung der Kniegelenks­arthrose keinen Nutzen von Glucosamin- und Chondroitin-Produkten.

Auf was sollte ich bei der Verwendung von Glucosamin- und Chondroitin-Produkten achten?

Grundsätzlich empfehlen wir, sich bei Gelenkbeschwerden, festgestellter Arthrose oder Arthritis mit Ihrem Arzt über sinnvolle Maßnahmen und Therapiemöglichkeiten zu besprechen, statt auf Verdacht teure, aber meist wenig hilfreiche "Gelenkpillen" als Nahrungsergänzung zu kaufen.

Darüber hinaus bestehen folgende gesundheitliche Risiken bei der Einnahme von Glucosamin-/Chondroitinkapseln:

  • Personen, die an Diabetes mellitus leiden bzw. eine eingeschränkte Glukosetoleranz haben, wird bei Einnahme von Glucosamin eine Überwachung des Blutzuckerspiegels empfohlen. Es kann zu Wechselwirkungen mit Substanzen im Glukosestoffwechsel kommen.
  • Glucosamin, das aus Krebstieren hergestellt wird, kann problematisch für Personen sein, die an einer Krebstierallergie leiden, dies muss gekennzeichnet werden.
  • Glucosaminhaltige Nahrungsergänzungsmittel können ein Gesundheitsrisiko bergen für Patienten, die Blutgerinnungshemmer (Cumarin-Antikoagulanzien) einnehmen. Glucosamin kann die blutgerinnungshemmende Wirkung der Medikamente verstärken und zu Blutungen führen.
  • Laut Bundesinstitut für Risikobewertung ist eine gesundheitliche Bewertung einer Glucosaminzufuhr für Schwangere und Stillende sowie Kinder und Jugendliche wegen fehlender Daten nicht möglich, eine gesundheitliche Bewertung der Zufuhr von Chondroitinsulfat sei ebenfalls aufgrund der lückenhaften Datenlage mit erheblichen Unsicherheiten behaftet.
  • Bei Chondroitinsulfat besteht bei Produkten, die aus Fischgewebe gewonnen wurden, ein Risiko für Fischeiweißallergiker.
Unser Tipp: Ob Glucosamin als Arzneimittel in einer bestimmten Dosierung und Anwendungsdauer als Therapie gegen Arthrose eingesetzt werden kann, muss Ihr behandelnder Arzt entscheiden. Das wirksamste, anerkannte Mittel gegen fortschreitende Arthrose ist übrigens die körperliche Bewegung.

 

Quellen:


Arbeitskreis Lebensmittelchemischer Sachverständiger: Stellungnahme 2016/42: Gelenkpräparate als Nahrungsergänzungsmittel mit zugelassenen gesundheitsbezogenen Angaben in Bezug zu Bindegewebe, Knorpel oder Knochen. eingesehen am 22.06.2017

Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) (2012) Glucosamin in Nahrungsergänzungsmitteln - riskant auch für Patienten, die Cumarin-Antikoagulanzien einnehmen, eingesehen am 21.02.2017

Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) (2007) Verwendung von Chondroitinsulfat in Nahrungsergänzungsmitteln, eingesehen am 22.02.2017

Römmelt S (2010) EU-Recht: Health Claims von NEM - Glucosamin und Arthrose, eingesehen am 21.02.2017

Roman-Blas JA et al (2017) Combined Treatment With Chondroitin Sulfate and Glucosamine Sulfate Shows No Superiority Over Placebo for Reduction of Joint Pain and Functional Impairment in Patients With Knee Osteoarthritis. A Six-Month Multicenter, Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled Clinical Trial. Arthritis & Rheumatology (69) 1, 2017, pp 77-85, eingesehen am 10.03.2017

Bastigkeit M, DocCheck-News vom 24.06.2014: Kniearthrose: Adios Knorpelprotektiva, eingesehen am 21.02.2017