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Gar nicht so harmlos: Grüntee-Extrakt

Stand:
Über Grüntee-Extrakte und das enthaltene EGCG werden wundersame Wirkungen berichtet. Doch statt nicht bewiesener Effekte gibt es eine Vielzahl unerwünschter Reaktionen.
Grüner Tee und Kapseln aus grünem Tee

Das Wichtigste in Kürze:
Achtung, kann der Gesundheit schaden!

  • Für Nahrungsergänzungsmittel mit Grüntee-Extrakt sind keinerlei gesundheitsbezogenen Aussagen zugelassen.
  • Grüntee-Extrakte, insbesondere EGCG, können zu Leberschädigungen bis hin zu Leberversagen, erhöhtem Blutdruck und erhöhtem Augeninnendruck führen.
  • Nicht mehr als 800 mg EGCG aus allen Quellen (incl. grünem Tee) pro Tag aufnehmen.
  • Es sind Wechselwirkungen mit einer Vielzahl von Medikamenten bekannt.
  • Nicht für Schwangere, Stillende und Personen unter 18 Jahren.
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Was steckt hinter der Werbung zu Grünteeexetrakt?

Grüner Tee wird in Asien seit mindestens 4.000 Jahren getrunken und ihm werden unzählige gesundheitsfördernde Wirkungen nachgesagt. So soll er vor Krebs schützen, das Immunsystem stärken, Cholesterin- und Blutzuckerspiegel senken und durch Fettabbau die Gewichtsreduktion unterstützen. Internetblogs gehen sogar noch weiter und lobpreisen die heilende Wirkung des „Gold Asiens“ bei Arthritis, Rheuma, Endometriose, Herzerkrankungen, Allergien und Alzheimer. Demnach kann Grüntee den Krebs sogar blockieren und für die Neubildung von Nervenzellen sorgen, um das Gedächtnis zu stärken. Begründet wird das alles mit der starken antioxidativen Wirkung der Inhaltsstoffe, vor allem der Polyphenole und des Epigallocatechingallat (EGCG).

Aber: Das Wenigste davon wurde systematisch an Menschen untersucht. Fast alle Daten, die auf eine mögliche Wirkung hindeuten, stammen aus Zellkultur- oder Tierversuchen. Humanstudien wiederum sind häufig Beobachtungstudien oder aber es wurden unterschiedliche Substanzen (Grüner Tee als Getränk oder Pulver, verschiedene Extrakte, reines EGCG) verwendet, so dass sie nicht wirklich aussagekräftig und reproduzierbar sind.

Hinzu kommt, dass Nahrungsergänzungsmittel keine pharmakologische Wirkung haben dürfen und eben nicht lindernd, heilend oder therapeutisch eingesetzt werden sollen. Das wäre die Aufgabe von (pflanzlichen) Arzneimitteln. Nahrungsergänzungsmittel sind in erster Linie für gesunde Personen und es gibt bisher keinen wissenschaftlichen Beweis, dass Nahrungsergänzungsmittel mit einem Grüntee-Extrakt für diese Personengruppe besonders gesundheitsförderlich wären. Vor allem gibt es – so die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA – keine Belege für eine spezifische Wirkung wie die oben aufgeführten. Konkret wurden fünf sogenannte Health Claims beantragt, welche allesamt den Status „non-authorised“ bekommen haben. Ganz im Gegenteil hat die EFSA sogar Sicherheitsbedenken hinsichtlich der Grünteeextrakte geäußert. Grüner Tee (Aufgussgetränk) als solcher gilt hingegen in üblichen Mengen als sicher.

Auf was sollte ich bei der Verwendung von Grüntee-Produkten achten?

  • Grüntee-Produkte (als Tee-Aufguss oder Matcha-Pulver) gelten als sicher.
  • Bei (konzentrierten) Grüntee-Extrakten werden dagegen Leberschädigungen bis hin zu Leberversagen, erhöhter Blutdruck und erhöhter Augeninnendruck gemeldet. Als ursächlich werden die Katechine, vor allem Epigallocatechingallat (EGCG), angesehen. Deswegen hat die EU zum 01.01.2023 den EGCG-Gehalt von Grüntee-Extrakten (die nicht zur Teezubereitung gedacht sind) auf max. 800 mg pro Tag beschränkt. Produkte, die schon vorher auf dem Markt waren, dürfen noch bis zum 21. Juni 2023 verkauft werden.
  • Finden Sie in der Zutatenliste die Zutat „Epigallocatechingallat“ gilt eine Höchstmenge von 150 mg Extrakt pro Portion Nahrungsergänzungsmittel. Die Kennzeichnung muss den Hinweis tragen, dass die Verbraucher:innen max. 300 mg Extrakt pro Tag verzehren sollten.
  • Kaufen Sie nur Produkte, die in der Nährwerttabelle genaue Angaben zum EGCG-Gehalt machen.
  • Außerdem sind folgende Warnhinweise auf der Verpackung vorgeschrieben: ‚Sollte nicht verzehrt werden, wenn am selben Tag andere Erzeugnisse mit grünem Tee konsumiert werden“. „Sollte nicht von schwangeren oder stillenden Frauen und Kindern unter 18 Jahren verzehrt werden“. „Sollte nicht auf nüchternen Magen verzehrt werden
  • Verzichten Sie auf Produkte, die zusätzlich Piperin/Schwarzpfefferextrakt enthalten. Diese können unter Umständen die Bioverfügbarkeit von EGCG und damit die aufgenommene Menge über die sichere Menge hinaus erhöhen. Grundsätzlich sollten Erwachsene laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) nicht mehr als 2 Milligramm isoliertes Piperin pro Tag über Nahrungsergänzungsmittel aufnehmen.
  • Als weitere unerwünschte Wirkungen werden bei Grünteeextrakten Verstopfung, Magen-Darm-Probleme und Übelkeit beschrieben.
  • Es sind Wechselwirkungen mit zahlreichen Medikamenten wie beispielsweise Gerinnungshemmern, Betablockern, Atropin, Codein, Bortezomib, Tamoxifen, Verapamil und diversen Cholesterinsenkern bekannt. Nehmen Sie Nahrungsergänzungsmittel mit Grünteeextrakten nur nach Rücksprache mit Ihrer Arztpraxis und/oder Apotheke ein.
  • Bestimmte Laborwerte (z.B. Leberenzyme) können beeinflusst werden. Bitte bei allen Untersuchungen angeben, wenn Sie Nahrungsergänzungsmittel mit Grüntee verwenden.
  • Wirkaussagen für Grüntee oder EGCG sind nicht erlaubt. Aussagen zur antioxidativen Wirkung beziehen sich in der Regel auf zugesetzte Nährstoffe wie Vitamin C, Selen oder Chrom. Achten Sie darauf, dass hier die Höchstmengenempfehlungen des BfR nicht überschritten werden.

Tipp: Wenn Sie Grünen Tee mögen, können Sie ihn bedenkenlos trinken (aber natürlich nicht in Massen oder als ausschließliches Getränk). Es gibt zahlreiche glaubhafte Hinweise auf gesundheitsförderliche Wirkungen des Tees, auch wenn er nicht bei oder gegen Krebs hilft. Die als Nahrungsergänzungsmittel erhältlichen Grünteeextrakte sind nach Auffassung der Verbraucherzentralen kein geeigneter Ersatz.

Was sind Grünteeextrakte?

Grüntee wird aus derselben Teepflanze (Camellia sinensis) gewonnen wie der schwarze Tee. Er wird weder fermentiert noch oxidiert und hat einen milderen Geschmack. Er enthält etwa halb so viel Koffein wie Schwarztee. Es gibt zwei Hauptsorten von grünem Tee, den großblättrigen indischen Assam-Tee (Camellia sinensis var. Assamica) und den kleinblättrigen Camellia sinensis var. Sinensis aus China und Japan. Assam-Tee hat einen höheren Polyphenol-Gehalt.

Polyphenole gehören zu den sekundären Pflanzenstoffen, ebenso wie die im Tee enthaltenen Gerbstoffe und Catechine (Katechine). Letztere gelten in Bezug auf die Grüntee-Extrakte als die eigentlichen „Wirkstoffe“. Catechine gehören zur Gruppe der Flavonoide, genauer zur Flavanolgruppe der Flavonoide, die bis zu 30% des Trockengewichts der Teeblätter ausmachen können. Grüner Tee enthält wegen seiner anderen Verarbeitung mehr Catechine als schwarzer Tee. Aber auch der Catechingehalt variiert. Er wird beeinflusst durch die Wachstumsbedingungen, den Zeitpunkt der Ernte und die Brühtemperatur. Das am häufigsten vorkommende, besonders aktive Catechin ist das Epigallocatechin-3-Gallat (EGCG).

Für EGCG wurde der Gehalt in Grüntee-Extrakten (die nicht zur Teezubereitung gedacht sind) auf max. 800 mg pro Tag beschränkt.

Für das als neuartige Lebensmittelzutat zugelassene Epigallocatechin-3-gallat als hochreinen Extrakt aus den Blättern von grünem Tee (Camellia sinensis (L.) Kuntze) mit einem Gehalt von mindestens 90 % (-)-Epigallocatechin-3-gallat gilt eine Höchstmenge von 150 mg Extrakt pro Portion Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel. Die Kennzeichnung muss den Hinweis tragen, dass die Verbraucher:innen nicht mehr als 300 mg Extrakt pro Tag verzehren sollten.

Die Catechin-Aufnahme aus Tee liegt in der EU im Schnitt zwischen 90 und 300 mg/Tag, also weit unter der Unbedenklichkeitsgrenze von 800 mg. Wer sehr viel Tee trinkt, könnte an die 800-Milligramm-Grenze gelangen. Trotzdem bekommen sie viel seltener Leberprobleme, vermutlich weil sie den Tee über den Tag verteilt und oft während Mahlzeit zu sich nehmen.

Zum Weiterlesen:

Matcha - Gesundheit im grünen Pulver?

Quellen:


EFSA (2018): Scientific opinion on the safety of green tea catechins. EFSA Journal 16(4):5239

EU-Register of Health Claims, eingesehen am 29.12.2022

Verordnung (EU) 2022/2340 der Kommission vom 30.11.2022 zur Änderung des Anhangs III der Verordnung (EG) Nr. 1925/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates in Bezug auf Grüntee-Extrakte, die (-)-Epigallocatechin-3-gallat enthalten

Durchführungsverordnung (EU) 2017/2470 der Kommission vom 20. Dezember 2017 zur Erstellung der Unionsliste der neuartigen Lebensmittel gemäß der Verordnung (EU) 2015/2283 des Europäischen Parlaments und des Rates über neuartige Lebensmittel, Fassung vom 29.08.2022

Memorial Sloan Kettering Cancer Center: Green Tea, Stand: 24.05.2022

National Institutes of Health (NIH): Dietary Supplement Fact Sheets – Green Tea

National Cancer Institute: Tea and Cancer Prevention. Stand: 17.11.2010

National Institutes of Health (NIH): Dietary Supplements for Weight Loss. Fact Sheet for Health Professionals. Stand: 18.05.2022 

BfR (2019): Nahrungsergänzungsmittel mit Piperin. BfR Spektrum Lebensmittelsicherheit Heft 1/2019, S. 27

Smollich M (2018): Grüner Tee-Extrakt: Leber versagt, Blutdruck steigt

Nahrungsergänzungsmittel auf Grünteebasis. Institut für Pharmazeutische Biologie und Phytochemie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (abgerufen am 29.12.2022)

Ritzka M (2018): EFSA: Grüntee ist unbedenklich. Ernährung im Fokus 07–08, 244

Grajecki D et al. (2022): Green tea extract-associated acute liver injury: Case report and review. Clin Liver Dis (Hoboken) 20(6): 181-187.